Obachtverfahren Intensivtäter, Hamburg

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Obachtverfahren Intensivtäter, Hamburg

MEGA KRASS VERKACKT …

Ich hatte es schon angekündigt: Immer dann, wenn ich in meinen Familien auftauche und meinen Text runterbete, bekomme ich zu hören, dass man bislang noch keinen blassen Schimmer hatte, was das Obachtverfahren ist und was es für die Familien und auch die Jugendlichen bedeutet, wenn sie in diesem besonderen behördenübergreifenden Hamburger Verfahren aufgenommen worden sind.

Vor einigen Jahren gab es auf dem Hamburger Kiez eine Schlägerei, die darin ausartete, dass ein Messer gezogen und ein neunzehnjähriger ohne eigenes Verschulden erstochen wurde. Im Hamburger Senat entschied man sich, in der Stadt etwas gegen Jugendgewalt zu unternehmen und hat verschiedenste Maßnahmen eingeführt, die dabei helfen sollten, die Gewalt von und unter Jugendlichen in der Stadt zu verringern.

Ein sogenanntes neun Säulen Modell wurde erdacht. Später kam noch eine Säule „Opferschutz“ dazu. Aber das nur am Rande.

Eine der umfangreichsten Entscheidung dieses Konzeptes war der informelle Zusammenschluss aller beteiligten Behörden, um die Gruppe der Jugendlichen besonders fördern zu können, die mehrfach mit strafbaren Handlungen aufgefallen waren oder aber mit einer Handlung mit besonderer Schwere der Tat. So oder ähnlich hat man es damals formuliert.

Im Jahr sind seit 8 Jahren im Durchschnitt 150 Jugendliche im Obachtverfahren. Immer wieder werden einige „gelöscht“, weil sie seit mindestens 12 Monaten nicht mehr blöd aufgefallen sind. Dafür kommen auch immer wieder neue hinzu.

Mädels sind seltener mit Gewalttaten auffällig, daher sind die meisten im Verfahren Jungs. Und dass es immer Ausländer sind, stimmt auch nicht. Ich weiß das aus erster Quelle. Ich kann in die Liste hineinschauen, die die Polizei angelegt hat und immer aktualisiert. Es sind auch nicht immer die ohne Geld, sondern es ist ein bunter Mix aus allen Schichten.

An einem Beispiel mache ich mal deutlich, was alles passiert, wenn du, nennen wir dich mal Phillip (das ist ein neutraler Name, es könnte jeder sein …) als Gewalt-Intensivtäter bei der Polizei auf die Liste des Obachtverfahrens kommst.

Nehmen wir mal weiter an, dass du mit deinen Freunden eine super dumme Idee hattest. Nämlich mit dem Handy beispielsweise eine Pizza an eine frei gewählte Adresse zu bestellen und den Boten, wenn er kommt, mit vorgehaltenem Messer um sein Wechselgeld zu bitten.

Alles klappt prima, ihr seid weg, 230 Euro reicher und wandert in aller Entspannung in Richtung des nächsten Burgerladens und werdet auf dem Weg dahin noch von den netten Herren in Blau gestellt und verhaftet.

Regelhaft macht die Polizei Hausdurchsuchungen, wenn die Beamten annehmen, dass sich dort noch Diebesgut befinden könnte. So auch bei dir zuhause. Bevor sie dich wieder nach Hause lassen kann es sein, dass sie spät Abends oder sehr früh am Morgen vorbeikommen und mit sechs breiten Kollegen die Wohnung deiner Eltern auf Links drehen. Sehr unangenehm. Die sind nicht nett. Die räumen nicht wieder auf. Viele Eltern sagten mir, es habe sich wie ein Überfall angefühlt.

Genauso könnten die Kollegen annehmen, dass du nicht aufhörst mit dem, was du tust und dich in Untersuchungshaft nehmen. Oder dass du Zeugen beeinflussen könntest. Das ist dann extrem schlecht, weil es dann wirklich eine Weile dauert, ehe du wieder nach Hause kommst. Und dann wird es so sein, dass deine Eltern wohl mit dir sprechen wollen, wenn sie dich nicht schon in der U-Haft besucht haben. Auch nicht sehr angenehm.

In der nächsten Zeit werden du und deine Eltern viele ungebetene Besuche und viel blöde Post bekommen.

Erst könnten Beamte vom Jugendschutz der Polizei kommen und mit dir ein sogenanntes Normen- und Hilfeverdeutlichendes Gespräch führen wollen. Sie wollen dir jetzt klarmachen, was passieren könnte, wenn du nicht ganz schnell wieder damit aufhörst, Scheiße zu bauen.

Dann kommen Einladungen zum Gespräch an der Wache mit den Herren in Blau, weitere zu den Zivilbeamten des Kriminalamtes. Alle wollen genau wissen, was passiert ist, wer welche Ideen hatte und wer von euch was gemacht hat.

Weiter geht es. Das Jugendamt hat natürlich auch ne Nachricht bekommen und schreibt deine Eltern an, um sie zu einem Beratungsgespräch einzuladen. Man bietet deinen Eltern Hilfe und Unterstützung an, damit sie mit dir besser klar kommen.

Dann kommt Post von der Jugendgerichtshilfe. Die haben deine Anklage vor Gericht bekommen und bieten dir und deinen Eltern Unterstützung vor und bei der Verhandlung vor einem Richter. Dort wird später dann entschieden, welche Konsequenz dir droht für das was du gemacht hast.

Und dann kommt noch ein Typ, der so aussieht wie ich. Oder einer meiner sieben weiteren Beraterkollegen. Jetzt geht es um die möglichen Probleme in der Schule. Unser Job ist, dich bei deiner weiteren schulischen und beruflichen Perspektive so gut zu unterstützen, wie möglich.

Wenn du und deine Familie jetzt mit allen vielen neuen Kontakten kooperativ umgehen und vor allem, wenn du keine weiteren Straftaten begehst und in der Schule kein Ärger mehr besteht, dann ist das Schlimmste vorbei. Vielleicht gibt es jetzt noch eine Gerichtsverhandlung, aber mit einer guten „Sozialprognose“ von den Kollegen der Jugendgerichtshilfe (die fragen vorher noch beim Jugendamt und bei uns in der Schulbehörde an und wir geben denen unsere Einschätzung) kommst du vielleicht mit einem blauen Auge davon.

Es gibt aber auch uneinsichtige Phillips. Die merken die Einschläge nicht, die immer näher kommen. Wenn du nun weitermachst, also weiterhin und regelmäßig „Pizza bestellst“ oder anderen ihre Handys, Jacken, Sneakers abziehst, dann zieht dunkles Wetter auf und ich habe schon Jugendliche für zwei Jahre im Gefängnis begleitet.

Besonders am Obachtverfahren ist, dass sich alle beteiligten Behörden informell austauschen. Das bedeutet, jeder weiß von dem, was der andere tut, alle werden informiert, wenn du wieder an einer Straftat beteiligt warst oder im Verdacht stehst, Mist gemacht zu haben.

Es gibt von dir einen sogenannten „Personalbogen“, in dem alles drinsteht, was mit dir zu tun hat. Jede Straftat bei der Polizei, jede Anklage der Staatsanwaltschaft, alle Berichte der Jugendgerichtshilfe, des Jugendamtes und der Schulbehörde sind darin aufgeschrieben. Das ist eigentlich gegen den Datenschutz, aber die haben es vom Datenschutzbeauftragten prüfen lassen. Alle Daten werden hochwichtig verschlossen, damit nichts von diesen privaten Informationen an Unbeteiligte gerät. Alle Behörden müssen sich daran halten.

Einmal alle zwei Wochen gibt es sogar „Fallkonferenzen“. Von jeder Behörde kommen dann ein oder zwei Mitarbeiter und alle zusammen tauschen ihre Erkenntnisse und Pläne aus, damit alle in die gleiche Richtung arbeiten, nämlich dich zu unterstützen, mit den Straftaten aufhören zu können. Darum geht der ganze Wind im Kern. Erwachsene werden nach Gesetzbuch und Gerichtsverhandlung bestraft. Bei Jugendlichen und Heranwachsenden will man unterstützen und helfen. Das finde ich vollkommen richtig. Pro Fallkonferenztag werden drei oder vier Jugendliche besprochen.

Ganz schön heftig, oder? Plötzlich bist du im Zentrum der Beobachtung von fünf verschiedenen Behörden, die tauschen sich aus und beginnen dich zu nerven, bis du dich für dich entscheidest und dafür, dein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Du must damit rechnen, dass, wenn du Leute in einem Auto sitzen siehst, vor deiner Tür etwa oder da, wo du gerade mit deinen Freunden abhängst, könnten das Zivilpolizisten sein, die wegen dir da stehen.

Mit dem Mistmachen aufzuhören ist definitiv nicht schwer. Egal, wie kompliziert du alles im Moment erlebst. Jeder kann es schaffen, da wieder herauszukommen. Hier im Blog steht, wie das klasse funktionieren kann. Hier bekommst du Tipps ohne Ende.

Gerne kannst du deinen Eltern auch diesen Post zeigen, wenn sie sich dafür interessieren, was das Obachtverfahren ist.

Hier gibt es noch einen Link zu einer Seite der Hamburger Behörde für Arbeit, Soziales, Familie und Integration (BASFI), die die Öffentlichkeitsarbeit und das Controlling des Konzeptes Handeln gegen Jugendgewalt macht und daher auch das Obachtverfahren beschreibt.
hamburg.de/handeln-gegen-jugendgewalt/obachtverfahren-fallkonferenzen/

Koordinierungsstelle des Obachtverfahrens ist die Polizei. Die entscheiden darüber nach festgelegten Kriterien, ob ein Jugendlicher im Verfahren aufgenommen oder wieder gelöscht wird.

Wenn du oder deine Eltern jetzt noch Fragen haben, könnt ihr mir gern eine E-Mail schicken. martin@pfennigschmidt.net

Bei uns auf der Webseite der Beratungsstelle Gewaltprävention gibt es auch Informationen über den Teilbereich der Schulbehörde im Obachtverfahren. Bei uns heißt es „Schulisches Casemanagement für Intensivtäter“.
https://www.hamburg.de/casemanagement/

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